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38 – 10 – 8* (Cula)

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Das Grab ist nicht erhalten

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Cula

† 13.11.1892 (München), 17 Jahre alt
»Amazonen«-Darstellerin aus Dahomey

Münchener Tagblatt (3. & 4.11.1892)

Stadtneuigkeiten.

Dahomeyer-Amazonen in München. 40 Kriegerinnen aus dem Dahomelande unter Anführung der Oberkriegerin »Gumma« welche 4½ Monate im Jardin d'Acclimation Paris gewesen werden auf kurze Zeit in den Central-Sälen Einquartierung halten. Wohl selten dürfte dem Publikum eine so interessante exotische Sehenswürdigkeit geboten werden, da gerade die augenblicklichen Kriegswirren, welche zwischen den Franzosen und dem König von Dahomey ausgebrochen, es dem glücklichen Zufalle zu verdanken ist, daß vor Ausbruch des Krieges der Plan ins Werk gesetzt wurde, diese blutdürstigen Kriegerinnen zu einer Tournee durch die civilisirten Länder zu gewinnen. Der Impresario Herr Pinkuß, welcher vor einigen Jahren mit der Hagenbeck'schen Singhalesen Karawane hier gewesen, ist bereits eingetroffen um alle nöthigen Vorkehrungen zu veranlassen. Die Eröffnungs-Vorstellung findet am Samstag den 5. November statt.

Die Amazonen aus Dahomey sind gestern Nachmittag mit dem Postzug von Salzburg hier eingetroffen.

Münchener Tagblatt Nr. 308 & 309. Donnerstag, den 3. und Freitag, den 4. November 1892.

Allgemeine Zeitung (5.11.1892)

Anthropologische Gesellschaft. Montag, den 7. November: Außerordentliche Sitzung. Local: Centralsäle, I. Stock. Anfang Abends 8½ Uhr. Seperatvorstellung der Dahomey-Amazonen. Die Betheiligung von Damen an dieser Sitzung ist gestattet. Die Mitglieder werden ersucht, das Programm beim Eintritte vorzuzeigen.

Allgemeine Zeitung Nr. 308. München; Samstag, den 5. November 1892.

Neues Münchener Tagblatt (6.11.1892)

Die Amazonentruppe von Dahomey in München.

Herr Karl Hagenbeck,
unermüdlich im Schaffen neuer Darstellungen kultur- oder naturgeschichtlicher Art, hat eben wieder eine anthropologisch höchst merkwürdige Gruppe zu zeigen. Es sind die schwarzen Kriegerinnen des Königs von Dahomey in Südwestafrika.
Dahomey ist in den letzten Zeiten in Folge des Krieges mit den Franzosen vielfach genannt worden, und es möchte gewiß interessiren, eine Gruppe der weiblichen Streitkräfte des afrikanischen Königs kennen zu lernen.
Ehe wir von den Amazonen selber sprechen, wollen wir Einiges über das Land Dahomey vorausschicken.
Das Königreich Dahomey liegt im Norden der sogenannten Sklavenküste Ober-Guinea's und erstreckt sich ungefähr bis zum 8. Grade nördlicher Breite. Das Gesammtareal umfaßt einen Flächenraum von circa 14,000 Quadratkilometer mit einer darauf vertheilten Bevölkerung von etwa 200,000 Seelen. Die schwer zugängliche und fieberreiche Sandküste trägt zahlreiche zerstreut liegende Negerdörfer, in denen hier und da europäische Faktoreien bestehen, unter welchen die bedeutendsten sind: die britische Besitzung Lagos, die französische Niederlassung Porto-Novo und endlich Widah oder Whyda. Sämmtliche Häfen dienten früher lediglich zu Zwecken des nirgends stärker als hier betriebenen Sklavenhandels und zur Ausfuhr dieses »schwarzen Elfenbeins«; jedoch ist in neuerer Zeit durch das Zusammenwirken der zivilisirten Nationen diesem abscheulichen Laster ein starker Riegel vorgelegt. Im Innern ist das Land mehr gebirgig und mit Urwäldern bewachsen; hier ist der Elephant zu Hause, der wegen seiner Zähne von den Eingebornen eifrig gejagt wird.
Die Vegetation ist ungeheuer üppig und außer den reichen tropischen Urwäldern bedecken weitläufige Anlagen der Neger weite Strecken; hier werden alle Getreidearten und Südfrüchte der Welt gebaut.
Die Dahomey-Neger sind von allen afrikanischen Völerstämmen die körperlich und geistig entwickeltsten. Der Körperbau ist, wenn auch nicht gerade hervorragend stark, so doch muskulös und wohlproportionirt, und unter den Frauen, vor allen unter der Amazonen-Garde, finden sich zahlreiche schöne und wohlgebildete Gestalten. Im Ganzen ziemlich seßhaft, betreiben sie mit Vorliebe den Ackerbau und sind geschickt in der Anfertigung von allerlei Werkzeugen und Geräthen, besonders aber von Waffen, wie Säbeln, Schwertern und Dolchen. Die ursprünglichen Waffen, wie Keulen, Bogen, Pfeile u. s. w., haben natürlich, wie es ein so langer Verkehr mit den Europäern mit sich bringt, längst den modernen Vernichtungswerkzeugen, wie Säbeln und Feuergewehren, weichen müssen und nur ein kleiner Theil des Heeres ist noch auf die alte Weise ausgerüstet.
Der Herrscher ist im vollsten Sinne des Wortes Herr über den Kopf eines jeden seiner Unterthanen. Wenn auch eine große Anzahl von Fürsten, Ministern, Ortshäuptlingen existirt, so sind doch im Grunde alle nur Sklaven des Königs, und mit Blut geschriebene und mit Blut getränkte Gesetze bilden die Grundlage und Stützen des Thrones. Der Herrscher, dessen Würde erblich ist, und dem in der Regel der älteste Sohn seiner Lieblingsgemahlin nachfolgt, ernennt die Häuptlinge und sonstigen Würdenträger, und haben dieselben ihm bestimmte Contingente zur Armee, sowie bei allen Festlichkeiten prächtige Geschenke zu liefern.
Die Vorschriften des umfassenden Hofceremoniells sind ungemein peinlich, und jeder Verstoß gegen dieselben wird mit den grausamsten Strafen geahndet.
So darf z. B., wie dies seit altersher überliefert ist, Niemand sich in aufrechter Stellung dem Herrscher nahen, und Deputationen und Abgesandte müssen sich dem Throne auf dem Bauche kriechend nähern. Gleiches Ceremoniell wird beim Niesen, Ausspucken und Trinken des Königs beobachtet, und speziell die letztere Handlung ist bei Strafe des Kopfabschlagens keinem sterblichen Auge zu schauen vergönnt. Reich geschmückte Sonnenschirme werden zu dem Zwecke vor dem Haupte des »Beherrschers der Sklaven« aufgespannt und allgemeines Freudengeschrei, das Geknatter abgefeuerter Flintenschüsse, sowie das Geläute der Glockenschwinger, die sich im Gefolge befinden, geben der Umgebung von diesem hochwichtigen Akte Kunde.
Hinrichtungen von Verbrechern sowohl als von Gefangenen und Sklaven, ohne welche keine größere Hoffestlichkeit denkbar ist, werden vom Könige in beliebiger Anzahl festgesetzt.
Haufen von Schädeln Hingerichteter bleichen an den Thoren des königlichen Palastes, sowie als Trophäen auf hohen Stangen.
Die Religion ist der roheste Fetischdienst. Zum Fetisch (Götterbild) kann ein jedes, oft das einfachste Ding erhoben werden, indem man ihm die wunderbarsten Eigenschaften und Kräfte beilegt und diesem selbstgeschaffenen Gotte eine unterwürfige Anbetung zollt. Mit Lappen und Fetzen aller Art bekleidete Puppenfiguren, männliche und weibliche, stehen in den Tempeln und werden unter Begießen mit Palmöl von der Menge um ihren Segen angefleht.
Außer diesen selbstgeschaffenen Götzen verehren, die Einwohner eine gewisse Art von Schlangen als übernatürliche Wesen, in deren Willen es liegt, ob aus irgend einer Handlung Segen oder Unheil erwachsen soll. Dieselben werden von besonders dazu angestellten Priestern gepflegt und wurde bis vor kurzem die Tödtung eines solchen Thieres mit den grausamsten und entsetzlichsten Todesstrafen geahndet.
Ein eigentliches Familienleben in unserem Sinne ist den Dahomey-Negern ein unbekanntes Ding, und kam es bis noch vor kurzem gar nicht selten vor, daß ein Vater seine eignen Kinder an die Sklavenhändler verkaufte. Die Stellung der Frau ist – abgesehen von den Mitglieder des Amazonencorps – eine niedrige und verachtete, und steht es jedem Manne frei, sich eine beliebige Anzahl von Frauen oder vielmehr Dienerinnen zuzulegen, falls seine Mittel ihm dies gestatten. Die Erwerbung geschieht durch Kauf oder Tausch vom Vater des Mädchens und bilden Rum, bunte Stoffe u. dergl. beliebte Werthartikel.
Das Merkwürdigste ist das weibliche Kriegsheer des Königs.
In einer Stärke von ungefähr 5000 Köpfen bilden diese Amazonen, in verschiedene Regimenter eingetheilt, die Leibgarde des Königs, der dieselben persönlich aus den Töchtern der besten Familien des Reiches auswählt.
Das erste und strengste Gesetz, welches diese Kriegerinnen zu beobachten haben, ist die Ehelosigkeit. Während ihrer zweijährigen Militärpflicht sorgen scharfe Wachen von Eunuchen in geweinsamen kasernenartigen Wohnungen für genaueste Innehaltung dieses Gebietes. Die Strafen, welche an gelegentlichen Uebertreterinnen von den eigenen Kameraden vollzogen werden, sind von einer raffinirten Grausamkeit und endigen stets mit dem Tode, wie denn überhaupt der ganze Korpsgeist unter diesen »Damen« ein bewundernswerther ist.
Die Amazonen sind mit Feuersteingewehren und Säbeln ausgerüstet.
Ein charakteristisches Zeichen der meisten Amazonen bilden kurze auf den Schenkeln, den Armen oder auch auf den Backen eingeschnittene Tättowirungsnarben, und ebenfalls sind die Haare in einer eigenthümlichen künstlichen Weise frisirt.
Regelmäßige Uebungen, worunter oft das Erstürmen einer improvisirten, von scharfen Dorngestrüpp starrenden Verschanzung werden unter Nichtbeachtung der schmerzendsten Wunden oft unter Augen des Königs abgehalten und stählen den Muth für künftige Gelegenheiten.
Im Ernstfalle rückt das Korps, in verschiedene Treffen getheilt, unter dem betäubenden Lärm der mit Thierhaut bezogenen großen Trommeln gegen den Gegner an.
Das Hauptfest bildet das alljährlich stattfindende große Osterfest zur Versöhnung der bösen Geister, welches ungefähr eine Woche lang dauert und wozu lange vorher Verbrecher, Sklaven und Gefangene zur Abschlachtung aufgespart werden.
Umgeben von seinem Hofstaate, seinen zahlreichen Frauen und Sklavinnen thront der König auf einem freien Platze vor den verschiedenen, den Palast bildenden runden Hütten. Zur Rechten kauern einige hundert Kriegerinnen der Leibgarde mit Gewehren zwischen den Schenkeln, hinter diesen stehen branugekleidete Elephantenjägerinnen, während auf der linken Seite eine größere Anzahl von reich in Gold und Seide gekleideten Lieblingsfrauen postirt sind.
Mitglieder des letzten Amazonenregiments führen die verschiedenartigsten und phantastischsten Kriegstänze auf, Fetischpriester stoßen ihre gellenden Gebete aus und wälzen sich in krampfartigen Verzuckungen am Boden, und unter dem Getöse der Trommeln und sonstigen Musikinstrumente spielen sich die tollsten Szenen ab. Mit freigebiger Hand wirft der König die beliebten Kaurimuscheln unter die jubelnde und tobende Menge, und so vergehen die Festtage, bis endlich in der Nacht des letzten Tages die Stunde für die unglücklichen, in einer Hütte zusammengepferchten Opfer schlägt.
Doch nur dem Könige und seinen Amazonen ist es erlaubt, der Abschlachtung, welche von dem Haupthenker vermittelst eines breiten Schwertes eigenhändig vollzogen wird, beizuwohnen, und ist jeder der Unterthanen, der zu dieser Stunde außerhalb der Hütten betroffen wird, ebenfalls dem Tode unrettbar verfallen.
Die Schädel aber der Erschlagenen bleichen als Trophäen und Ruhmeszeichen auf den Zinnen und Spitzen der die königlichen Gebäude umgebenden Mauer, während die Körper den Aasgeiern und Schakals als willkommene Beute vorgeworfen werden.
Doch nicht allein bei dem geschilderten Feste, sondern überhaupt bei allen auf die Person des Herrschers Bezug habenden feierlichen Gelegenheiten, wie Thronbesteigung etc. sind diese bestialischen Menschenschlächtereien gang und gäbe, und nur, um zu diesem Zwecke hinreichend Gefangene zu erbeuten, wurden besondere Kriegszüge gegen die benachbarten Stämme unternommen. Von diesen Kriegszügen wurden auch die unter französischem Schutze stehenden Gebiete heimgesucht, und als nun die Republik zum Schutze der Einwohner ihre schwarzen Kolonialtruppen in die bedrohten Distrikte legte, wurden dieselben von den Dahomey-Negern überfallen, und so entstanden die vielbesprochenen Kriegsunruhen an den Sklavenküste.
Die Amazonengruppe, welche hier unter Führung des Impresario Herrn Pinkuß von Paris, wo sie 4½ Monate weilte, eingetroffen ist, beginnt heute Samstag den 5. ds. ihre Vorstellungen im großen Saale der Centralsäle im 1. Stock. Das Programm dieser Vorstellungen bilden: 1) Religiöser Gesang vor Auszug ins Gefecht, vorgetragen von den Amazonen; Bondoh genannt. 2. Uebung und Instandsetzung ihrer Gewehre, unter Führung der Oberkriegerin »Gumma«. Die Amazonen haben beim Kriege keine Bogen und Pfeile mehr; sie bedienen sich jetzt französischer Gewehre und Säbel. 3. Nationaler Freudengesang und Tanz, ausgeführt von den Amazonen und Kriegern zu Ehren ihrer Oberkriegerin »Gumma« für die gewonnene Schlacht. 4. Zum Schluß: Opfertänze mit Schlachtmessern, ausgeführt von dem ganzen Corps, unter Führung der Oberkriegerin »Gumma«.
Nach Namen und Alter sind die Amazonen von Dahomey: Gumma, Oberkriegerin, 22 Jahr; Maimah, 25 Jahr; Guthu, 23 Jahr; Messi, 22 Jahr; Kemmah, 24 Jahr; Fassih, 23 Jahr; Butschaun, 20 Jahr; Nepoh, 21 Jahr; Dankeh, 20 Jahr; Fehra, 19 Jahr; Bessih, 19 Jahr; Dukauh, 18 Jahr; Bondih, 20 Jahr; Jaffa, 20 Jahr; Allekutuh, 19 Jahr; Jenken, 23 Jahr; Jenehba, 19 Jahr; Tito 22 Jahr; Kuhla, 18 Jahr; Blaki, 23 Jahr; Gombuh, 15 Jahr; Gograh, 15 Jahr; Jelly, Schwester der Oberkriegerin Gumma, 9 Jahre.
Aus dem Vorhergehenden ist wohl erklärlich, daß diese exotische Damengruppe eine hochinteressante Sehenswürdigkeit ist, die nicht nur die Neugierde befriedigt, sondern wissenschaftlichen Werth hat.

Neues Münchener Tagblatt Nr. 311. Sonntag, den 6. November 1892.

Der Wendelstein (10.11.1892)

Vermischte Nachrichten.

Aus München, 8. Nov., wird dem »Wdlst.« geschrieben: So ein Impresario hat auch nicht immer gute Einfälle, sonst hätte man uns nicht zu Beginn der rauhen Jahreszeit die Kinder der heißen Zone, die Amazonen, zugeführt. Wie mögen diese Aermsten unter dem nordischen Winter leiden, wenn sie nicht bald in ein südlicheres Klima transferirt werden! Wir bewunderten bei Buffalo Bill's »Wilder West« die ächten Abkömmlinge einer im Aussterben begriffenen Menschenrace, versetzten uns mit der darauf folgenden »Suahelli Karawane« unter die Bevölkerung des alten Pharaonenreiches, beide Schaustellungen waren in ihrer Art hochinteressant, nicht minder anziehend wie belehrend aber wirkt ein Besuch bei der Amazonentruppe in den Centralsälen. Es wird in der Münchener Presse aus purer Gefälligkeit gar manches gelobt und herausgestrichen, was minder preiswürdig erscheint, wie z. B. der verflossene japanesische Circus James, welcher aber auch ein seinen Leistungen entsprechendes Geschäft machte, nämlich so gut wie keines. Es war hohe Zeit, daß der jüdische Böhme Rosenberg oder wie er sich selbst englisch taufte »James« von hier verduftete, sonst hätte er Mangels ausübender Artisten die Arena schließen müßen. Die Einnahmen waren trotz jüdischer Reklame und trotz aller täglichen Anpreisungen und Reklamen selbst in dem bekannten Weltblatt vom Färbergraben so armselige, daß der arme Direktor die Gagen nicht mehr erschwingen konnte und sich auspfänden lassen mußte, wie uns Angestellte erzählten. In der Amazonentruppe hingegen haben wir in der Thit eine Sehenswürdigkeit allerersten Ranges vor uns. Freilich konnten wir die Legitimationen und das Nationale der Kriegerinnen nicht prüfen, aber vorausgesetzt, daß uns der Unternehmer keine Imitation vorführt – heutzutage kann man nicht mißtrauisch genug sein – lohnt sich ein Besuch bei den Amazonen reichlich. Wir zählten 36 »Damen« und 8 »Herren«. Das Alter der Amazonen schwankt zwischen 15 und 25 Jahren, dazu kommt noch die erst 10 Jahre alte Schwester der Oberkriegerin Gumma. Die Krieger sind große, herkulische Gestalten, die Kriegerinnen kaum von Mittelgröße. Die Tänze, Gesänge und Kampfspiele, die sie vorführen, sind von packender Wirkung, grotesk, eigenartig und zeigen von ungewöhnlicher Gelenkigkeit wie von theatralischem Talente. Nach der Vorstellung mischen sich diese »Wilden« harmlos unter das Publikum, mit dem sie Händedrücke wechseln und von dem sie Trinkgelder in Gestalt von Cigarren und Tabaken heischen, jedoch nehmen sie im Nothfalle auch Kleingeld dafür entgegen. Nachdem bekanntlich Frankreich den König von Dahomey mit Krieg überzog und dem Negerstaate möglicher Weise den Garaus macht, könnten unsere Amazonen leicht die letzten Kriegerinnen sein, die je wieder Europas gastlichen Boden betreten. Von diesem Gesichtspunkte aus bietet die uns vorgeführte Truppe daher ein erhöhtes Interesse. In ihrem heißen Vaterlande mögen diese Kriegerinnen zu fürchten sein, hier in München geben sie sich ganz civilisirt und lammfromm, ja sanft wie die Tauben und lange nicht so blutdürstig als unsere »Damen der Halle«, wenn sie von einer »Gnädigen« gereizt werden.

Der Wendelstein Nr. 256. Katholisches Volksblatt für das bayerische Oberland. Rosenheim; Donnerstag, den 10. November 1892.

Münchener Ratsch-Kathl (12.11.1892)

Die Amazonen von Dahomey.

Unser heutiges Bild stellt ein paar kämpfende Amazonen dar, wie sie zur Zeit in den Central-Sälen ihre Sitten, Tänze und Kriegsgebräuche vorführen.
Diese Dahomey-Amazonen gaben vor einigen Tagen in einer außerordentlichen Sitzung der anthropologischen Gesellschaft eine Separat-Vorstellung, die sehr zahlreich von hohen Herrschaften besucht war.
Herr Professor v. Ranke, der Vorsitzende der Gesellschaft, machte in einer kurzen Ansprache darauf aufmerksam, daß dieser Neger-Stamm einer der interessantesten sei.
Der König von Dahomey ist Herr über Tod und Leben jedes seiner Unterthanen, wird aber von denselben abgöttisch verehrt.
Seine Leibgarde besteht aus Mädchen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die sich auf zwei Jahre verpflichten, absolut jeden Verkehr mit Männern zu meiden, und deshalb stets von Eunuchen überwacht werden.
Diese Amazonen tragen als Ehrenzeichen drei Tättowirungen auf der linken Wange und kämpfen gegen ihre Feinde mit seltener Kühnheit und Grausamkeit.
Der Besuch dieser Dahomey ist ein äußerst reger und war am letzten Sonntag ein so riesiger, daß die Kassa einige Male für kurze Zeit geschlossen werden mußte.
Se. kgl. Hoheit Prinz Rupprecht, sowie die jüngsten Prinzen Sr. kgl. Hoheit des Prinzen Leopold, besuchten bereits die Vorstellungen dieses interessanten Volksstammes.

Münchener Ratsch-Kathl Nr. 102. Samstag, den 12. November 1892.

Allgemeine Zeitung (12.11.1892)

München, 11. November.

Se. königl. Hoheit der Prinz-Regent hat heute Vormittag in Begleitung der General-Adjutanten Generalmajore Graf Lerchenfeld und Frhr. v. Zoller, der Flügeladjutanten Generalmajor Frhr. v. Branca und Major v. Widenmann, dann des Erzgießers v. Miller und des Universitätsprofessors Dr. Ranke die zur Zeit hier weilende Amazonentruppe in den Centralsälen besucht. Der Director der Amazonen, Hood, und der Geschäftsführer Pinkuß erläuterten während der Vorstellung die Gebräuche der Völker von Dahomey, worauf die Truppe ihre Exercitien und Tänze nebst Gesängen ausführten. Der Prinz-Regent sprach sich dem Direktor gegenüber sehr anerkennend über die exacte Ausführung der militärischen Uebungen und der sonstigen Produktionen aus.

Allgemeine Zeitung Nr. 315. München; Samstag, den 12. November 1892.

 

Allgemeine Zeitung (14.11.1892)

Bayerische Chronik.

Tod in der Fremde. Die Amazone Kula, welche vor einigen Tagen wegen Lungenentzündung in das Krankenhaus aufgenommen wurde, ist am Sonntag gestorben.

Allgemeine Zeitung Nr. 317. München; Montag, den 14. November 1892.

Neues Münchener Tagblatt (15. & 16.11.1892)

Die Amazone Kuhlà gestorben.

Vor wenigen Tagen haben wir gemeldet, daß eine der Amazonen der hier weilenden, großes Interesse erregenden Dahomeertruppe an Lungenentzündung erkrankt und in das städtische Krankenhaus verbracht worden ist. Dort ist nun die Arme am Sonntag Vormittag verschieden. Kuhlà, dieß ist der Name der jungen, erst 19 Jahre alten Kriegerin des Königs Behanzin, ist unstreitig, nach europäischen Begriffen wenigstens, die schönste unter der ganzen Amazonentruppe gewesen. Unser Bild, nach einer von Herrn Direktor Hood uns freundlichst zur Verfügung gestellten Photographie gefertigt, zeigt die hübschen, ebenmäßigen Züge der jungen Kriegerin. Diese Züge zeigen keine Spur von Wildheit, tragen vielmehr das Gepräge eines freundlichen, heiteren Gemüthes. Kuhlà war nur vier Tage krank. Der Aufenthalt im Krankenhause erfüllte sie mit Furcht und Angst. Trotz der liebevollen Pflege, welche ihr die barmherzigen Schwestern angedeihen ließen, fürchtete sie sich gerade vor diesen ganz besonders. Die heidnischen Dahomeer haben nämlich die Vorstellung, daß die bösen Geister weiß seien, wie wir umgekehrt den Teufel uns schwarz denken. Die barmherzigen Schwestern haben nun zumeist einen sehr blaßen Teint, der durch die weiße Haube noch besonders hervortritt. Der behandelnde Arzt konnte sich, obwohl er englisch sprach, dessen die Dahomeer einigermaßen mächtig sind, mit ihr nur schwer verständigen.
Als sie in's Krankenhaus geschafft wurde, sagte sie beim Abschied zu Direktor Hood, wenn sie von den »Weißen« behandelt werden würde, dann käme sie gewiß nicht wieder zu ihm zurück. Im Krankenhause wollte sie die dargereichten Medikamente nicht nehmen; sie glaubte, wie ihre Stammesgenossinnen, man wolle sie damit vergiften! Auch der Aufenthalt im Bette war der Kranken unangenehm. Sie wollte absolut neben dem Bette auf dem Fußboden liegen. Am Samstag Abend schien eine Besserung einzutreten; aber bald begann ein allgemeiner Kräfteverfall, und am Sonntag Morgen schloß die kleine braune Kuhlà ihre Augen für immer. Der rauhe Norden hatte das Kind ewigen Sonnenscheins zerstört. Als gestern Direktor Hood am Abend nach der letzten Vorstellung den Amazonen den Tod ihrer Genossin mittheilte, brachen Alle für einen Augenblick in ein lautes Klagegeschrei aus, warfen sich auf die Erde und stießen den Kopf auf den Boden und riefen fortwährend: Kuhlà, Kuhlà.
Die Trauer hielt indeß nicht lange vor, und gestern früh waren die Stammesgenossinnen Kuhlà's wieder munter bei der »Arbeit«.
In der Heimat wird die Leiche einer Amazone in Bastmatten genäht und dann drei Tage lang wagrecht zwischen zwei Bäume gehängt. Der Leiche werden die Zehen mittels Tuchstreifen von den Kleidern, die sie im Leben getragen hat, zusammengebunden, dies soll verhindern, daß die Abgeschiedene aus dem Reiche der Geister zurückkehre unter die Lebenden.
Auch der Mund der Leiche wird mit einem Tuche verbunden. Fetischpriester und Kriegskamerädinnen bewachen während dieser drei Tage die Leiche.
Dann wird ein Grab gegraben, an dasselbe werben die sämmtlichen Habseligkeiten der Verstorbenen gebracht, zu Asche verbrannt und diese in das Grab gestreut. Dann wird die Leiche abgenommen und in das Grab gelegt, das nun unter Todtentänzen und Geheul zugeworfen wird. Die Dahomeer bergen ihre Leichen im Schoße der Erde, das ist ihnen ein heiliger Brauch, deßhalb wollen sie sich auch überzeugen, daß man Kuhlà's Leiche der Erde übergibt. Die Leichname getödteter Feinde dagegen werden den wilden Thieren zum Fraße überlassen, nachdem ihnen vorerst die Köpfe abgeschnitten werden, die als greuliche Trophäen ihre Hütten und den »Palast« ihres Königs schmücken.
Kuhlà's Leiche wurde, nachdem die Sektion vorgenommen war, in einen Sarg gebettet, vorerst in die Todtenkammer des Krankenhauses verbracht und sodann in das Leichenhaus des südlichen Friedhofes überführt und daselbst aufgebahrt. Sie wird bis gegen Mittag im Leichenhause zu sehen sein.
Um 12 Uhr 50 Minuten findet dann am südlichen Friedhofe die Beerdigung statt. Die Angehörigen der Truppe wohnen diesem Akte bei. Selbstverständlich konnte eine Bestattungsweise, wie sie in der Heimath der Dahomeer gebräuchlich ist, am hiesigen Friedhofe nicht gestattet werden, vor Allem der lärmende, wildgeberdige Todtentanz nicht. Doch wird die Todtenfeier immerhin noch Interesse genug bieten und Gelegenheit geben, eine Grabrede in der Dahomeersprache seitens eines Mitgliedes der Truppe zu hören. Die Truppe wird in einer Reihe von Wagen nach dem südlichen Friedhofe verbracht, wo sie sich zum Leichenzuge ordnen. Die braunen Leute werden mit warmer Fußbekleidung versorgt und wird Alles angeordnet, um eine Verkältung der an heißes Klima gewöhnteen Menschen zu verhüten.
Direktor Hood hat auf dieser Reise nun schon die dritte Amazone verloren. Eine starb in Breslau; sie hatte eine ganze Flasche Spiritus ausgetrunken. Die Zweite ist in Prag begraben. Ein Medizinmann und Zauberer der Truppe, der während der ersten Reise durch Europa in Frankfurt starb, ward nach seinem Tode von den Amazonen ganz besonders gefürchtet und damit sein Geist sie nicht aufsuchen könne, verbrannten sie allabendlich – Paprika zu ihrem Schutze.
Das thaten sie auch gestern in den Centralsälen zu wiederholten Malen.

Neues Münchener Tagblatt Nr. 320 & 321. Dienstag, den 15. und Mittwoch, den 16. November 1892.

Der Wendelstein (16.11.1892)

Vermischte Nachrichten.

Aus München. 14. Nov., wird dem »Wdlst.« geschrieben: Die bereits erwähnte Amazonentruppe in den Centralsälen hat gestern wieder einmal eine Kriegerin verloren. Eine ihrer Schwestern mußten die Amazonen zu Breslau, eine zweite in Prag zu Grabe geleiten. Morgen begraben sie die Kriegerin Kula auf dem südlichen Friedhofe. Die wilden Töchter der heißen Zone vertragen wohl das rauhe, nordische Klima nicht gut. Als wir der Separat-Vorstellung vom 4. ds. anwohnten, hustete eine Amazone ganz bedenklich. Vielleicht war es die jetzt Verschiedene. Uebrigens gehört wenig dazu, sich im Amazonenkostüm eine Lungenentzünduug zu holen, woran die arme 17jährige Kula nach nur 3tägigem Krankenlager sterben sollte. Die Amazonen exercierten an jenem 4. Novbr. halb nackt, wie sie sind, – die Krieger mußten sich noch viel decolletirter produziren – im ungeheizten weiten Saale unmittelbar an den Fenstern postirt. Ohne wärmende Kleider hätten wir Nordländer eine Lungenentzündung riskirt und dann erst diese heißblütigen Kinder des heißen Afrikas. Solche exotische Menschenracen sollte man uns nur im Hochsommer vorführen, die jetzige Jahreszeit ist ja Gift für afrikanische Lungen. Müßte der englische Unternehmer für jedes Haupt der ihm anvertrauten Schwarzen dem König von Dahomey eine hohe Entschädigung im Verlustfalle leisten, dann würde er sich wohl gehütet haben, diese armen Menschenkinder den Unbilden eines nordischen Winters auszusetzen. Die Vorführungen sind ja interessant, selbst der Kgl. Hof nahm ein großes Interesse daran, aber human ist es nicht, Afrikaner im Winter nach München zu transportiren. Humaner denkende und handelnde Unternehmer pflegen uns sonst um diese Zeit mit ihren exotischen Schützlingen zu verlassen. Aber was liegt an so einem Paar Menschenleben, wenn nur der Unternehmer ein gutes Geschäft macht!

Der Wendelstein Nr. 261. Katholisches Volksblatt für das bayerische Oberland. Rosenheim; Mittwoch, den 16. November 1892.

Der Wendelstein (17.11.1892)

Vermischte Nachrichten.

Aus München, 15. Novbr., wird dem »Wdlst.« geschrieben: Ein wundersam milder Herbsttag lockte heute schon in den Vormittagsstunden eine große Volksmasse nach dem südlichen Friedhof, dem »Campo santo«, der Hauptstadt. Neugierde ist ja ein hervorstechender Zug der Münchener Bevölkerung und da draußen lag unter Blumen aufgebahrt eine gar seltene Todte, die Amazone Kula. Der Andrang der Neugierigen, welche die kleine schwarze Kriegerin auf ihrem »Paradebett« sehen wollten, nahm nach Schluß der Volksschulen zwischen 11 und 12 Uhr beängstigende Dimensionen an. Das junge Volk stürmte in den Friedhof als gälte es ein Kinderfest ersten Ranges und die Erwachsenen durften sich doch von der Jugend nicht übertrumpfen lassen. War das vor dem Leichenhause ein Schieben, Drängen und Stoßen, ein Lärm und Geschrei, ein Geraufe fast wie seiner Zeit zur Königsleiche. Zwei an der Ein- und Ausgangsthüre zum Leichensaale postirte Diener waren der erstürmenden Menge nicht gewachsen, denn um den Wirrwarr vollzumachen, war nur die eine Flügelthüre geöffnet, vor der sich die Masse staute. Groß und Klein raufte sich mit wildem Ungestüme durch die enge Pforte, Hüte flogen umher, die Kleider gingen in Fetzen, ein Wunder nur, daß Niemand erdrückt wurde. Es ist etwas Häßliches um diese abscheuliche Neugierde der Großstädter. Um die Passage für den Leichenzug um 1 Uhr freizuhalten, war der betreffende Platz mit Seilen abgegrenzt, aber schon von 10 Uhr an postirte sich hinter der Seilenkette eine immer stärker anwachsende Menschenmasse aus allen Ständen, den höchsten wie den niedersten. Während das sonst es so eilig habende Volk von München, die Männer und Frauen von Isar-Athen, keine fünf Minuten Zeit hat, um den nächsten Trambahnwagen abzuwarten, sondern sich mit unglaublicher Wildheit in die übervollen Waggons hineinrauft, in vorliegendem Falle konnten dieselben Leutchen volle drei Stunden ruhig der Dinge harren, die da kommen sollten. Gegen zwölf Uhr kam ein Piquet Gendarmerie zur Aufrechthaltung der Ordnung angerückt. Was bedeutet aber so eine Handvoll grüner Schutzengel gegenüber einem nach Tausenden zählenden neugierigen Popolus Monachensis! Als endlich die Amazonen angefahren kamen, um ihrer auf dem Felde des Geschäftsgeistes gefallenen Schwester das letzte Geleite zu geben, erwies sich die heilige Hermandad völlig machtlos. Die »Wilden« aus Dahomey konnten sich gewiß zu ihrer Genugthuung überzeugen, daß die Münchener Bevölkerung doch noch beträchtlich wilder sein kann als selbst die wildesten afrikanischen Raubhorden. Die den Wägen entsteigenden Amazonen mußten sich mit den blanken Krummsäbeln ihrer Haut wehren, um nicht erdrückt zu werden und sich einen Weg zu bahnen. Er spielten sich ungefähr dieselben wüsten Scenen auf dem Orte des Friedens ab, wie seiner Zeit beim Empfange Bismarcks auf dem Wiener Bahnhof. Bei solchen Anlässen kann man sehen, welchen gefährlichen, rücksichtslosen Mob eine Großstadt birgt. Die gebildet sein wollenden Spree-Athener hieben mit Stöcken aufeinander und balgten sich, daß es eine Schande war. So und ähnlich führen sie sich aber stets auf, sobald es irgendwo etwas gratis zu schauen gibt. Wir schämten uns eines so roh sich gebärdeten Publikums vor den »Wilden«. Letztere werden ihren Fetischgötzen gedankt haben, als sie mit heiler Haut wieder der Stadt zufahren durften. Nach einer kurzen Zeremonie im Leichensaale, wo die Amazonen ihre Klagelieder anstimmten, bewegte sich der Zug zum Grabe, an welchem der Bruder der Dahingeschiedenen eine Trauerrede in seiner Landessprache hielt. Der Direktor der Truppe bezw. der Unternehmer Hood spendete »Trauerkränze«, eine Sitte, für welche die Amazonen kein Verständniß haben.

Der Wendelstein Nr. 262. Katholisches Volksblatt für das bayerische Oberland. Rosenheim; Donnerstag, den 17. November 1892.

Neues Münchener Tagblatt (17.11.1892)

Die Beerdigung der dahomeyischen Amazone Kuhlà.

Eine ungeheure Menge »Wilder« hatte sich gestern Mittags im südlichen Friedhofe eingefunden um sich an der Beerdigung der Amazone Kuhlà zu gaudiren. Diese wenigen Worte kennzeichnen das Benehmen eines Theiles unseres Publikums in leider nur allzutreffender Weise. Ruhig und still, mit friedlich geklärten Zügen, lag neben anderen Leichen im Armensaal des Leichenhauses aufgebahrt, die Hülle jenes braunen »Mädchen aus der Fremde« die fern, fern von ihrer sonnigen Heimath, dem rauhen Klima kaum 18 Jahre alt unserer Hauptstadt in kurzer Zeit erlegen war.
Kuhlà lag, umgeben von Blumen und Pflanzen und brennenden Wachskerzen in ihrem Kriegsschmucke im einfachen braunen Sarge. Das weiße Fez mit dem Drachenbilde auf dem Haupte, das Wamms, reich verziert mit schimmernden Kaurimuscheln, am Leibe bis zur Hälfte bedeckt mit einem blau- und schwarz gestreiften, grobgewobenen Tuche auf welchen die Hände verschlungen, ruhen und unter welchem die nackten Fuße hervortraten schien sie sanft zu schlummern. Die Todesbläße welch das Antlitz, des Weißen im Tode deckt kommt auf den tiefbraunen Gesichtern der Dahomeer nicht zum Vorschein.
Draußen, vor dem Leichenhause, auf Haupt- und Nebenwegen, in den Thorhallen, welche den Friedhof mit dem Campo santo verbinden wogte und tobte eine Menschenmenge, wie sie auf dem südlichen Friedhofe wohl noch nie zu sehen war. Es waren alle Vorkehrungen getroffen wie sie sonst getroffen wurden, wenn ein großer Andrang auf der Todtenstätte zu erwarten war. Einundzwanzig Gendarmen, 4 Polizeikommissäre, der Friedhofinspektor und das ganze Aufsichtspersonal des Friedhofes waren bemüht, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Seile waren gezogen vor der ganzen Front des Leichenhauses und um die Ecke in den Thorhallen. Gruppenweise erhielt das Publikum Zutritt in die Vorhalle des Leichenhauses, wo die Todte aufgebahrt lag. Viele konnten ihre Neugierde freilich nicht befriedigen, die Zahl der Herangedrängten war viel zu groß, die Vorhalle mußte daher abgeschlossen werden.
Kuhlà's Grab war im Campo Santo links vom Kreuze bereitet und auf ziemlich weitem Umkreis mit Seilen abgesperrt. Auch hier hatte sich schon eine riesige Zuschauermenge eingefunden, die von Minute zu Minute weiter anwuchs.
Um halb 1 Uhr fuhren fünf zweispännige Wagen vor; diesen entstiegen der Direktor der Dabomey-Truppe, Herr Hood, dessen Gemahlin, eine elegante, stattliche Dame, die Herren Impresarios Pinkusz und Neumüller. Die übrigen Wagen führten weibliche und männliche Mitglieder der Dahomeytruppe. Als die interessanten Gestalten der Krieger und Kriegerinnen sichtbar wurden, entstand eine gewaltige Bewegung im Publikum, das Hin- und Hergeschiebe wurde förmlich beängstigend und mehrmals drohten die gezogenen Seile zu zerreißen. Die Dahomeer bewaffnet, die Männer mit Dolchen und Säbeln, die Amazonen mit ihren wuchtigen Gewehren, stellten sich zunächst in Doppelfront am Eingange des Armensaales unter der Thorhalle auf, und schritten dann paarweise in den Leichensaal, wo sie die aufgebahrte Leiche Kuhlà's umstellten und dieselbe salutirten. Vier unserer hiesigen Leichenträger hoben dann den Sarg mit der Leiche von der Estrade auf eine in Mitte des Saales gestellte niedere Tragbahre. Auch hier umstellten die Dahomeer die Leiche ihrer Genossin, eine der Amazonen trat vor, zog ein weißes Leinentuch aus ihren Kleidern und band dasselbe wie einen Zahnbund um das Gesicht. Mit einem Streifen, der von einem Kleidungsstücke der Leiche gerissen worden war, wurden sodann die Zehen umschlungen und nun durch die Todtenträger rasch der Sarg geschlossen.
Da, wo sonst die Aussegnung christlicher Todter erfolgt, in der Vorhalle des Leichenhauses, wurde auch die Heidin zum letztenmale aufgebahrt. Ein schwarzes Bahrtuch mit gelben breiten Streifen in Kreuzesform (das Bahrtuch der Leichenhausverwaltung), wurde über den Sarg gedeckt, die Leichenträger luden die Bahre auf die Schultern, vor der Bahre schritt der Friedhofinspektor Rodatus mit dem Knaufstock; der Anführer kommandirte die Dahomeer, diese formirten sich zu zweien und schlossen sich unmittelbar der Bahre an. Nach den Dabomeern kamen Herr und Frau Direktor Hood, die Herren Impresario Pinkusz und Neumüller, Herr Vitzthum, Pächter der Centralsäle, Herr Obermedizinalrath Aub, verschiedene Notabilitäten der Wissenschaft und einige Redakteure und Berichterstatter. Kaum hatte sich der Trauerzug formirt, und in Bewegung gesetzt, da stürmte im Mittel- und Hauptgange des alten Friedhofes ein Pöbelhaufen derart auf die vorderen, bisher in voller Ordnung verharrten Zuschauerreihen, daß diese dem Andrange und auch dem Zurückdrängen der Gendarmen nicht mehr Stand zu halten vermochten und gewaltsam vorwärts drangen mitten unter den Leichenzng hinein, und diesen gewaltsam durchbrechend.
Nun war Bresche gelegt und wie bei einem mächtigen Dammbruch drangen, Alles mit sich reißend, die Menschenwogen in unaufhaltsamem Laufe der Thorhalle des Campo santo zu. Hier staute sich die Menge es entstand ein Drängen, Schieben, Stoßen, Alles war außer Rand und Band gerathen, kreischende Angstrufe, Kindergeschrei, Gebrüll, – es war eine furchtbar häßliche und geradezu lebensgefährliche Szene. Rohe Menschen schritten zu Gewaltthätigkeiten, schlugen mit Fäusten und Stöcken selbst auf Frauen, einige Gendarmen, welche die Ordnung herzustellen versuchten, wurden einfach in rohester Weise in die Gräberreihen geworfen, die Dahomeer geriethen in solche Bedrängniß, daß sie Miene machten, ihre Waffen zu gebrauchen und nur durch fortwährende Beschwichtigung seitens des Herrn Direktors Hood und des Herrn Impresario Pinkusz beschwichtigt werden konnten. Schreiber dieses hat sich vor den Wilden geschämt für seine »zivilisirten« Landsleute. Nachdem sich die Menschenknäuel unter der Einfahrthalle einigermaßen entwirrt hatte, wiederholte sich der Skandal auf dem Wege zum Grabe und an diesem selbst artete er in sinnnlosem Vandalismus aus. Wohl an fünfzig bis sechzig Grabsteine wurden beschädigt, umgeworfen, zerbrochen, Grabkreuze zertrümmert, Hügel und deren Blumenschmuck zertreten und die vorher schon um das Grab Gestandenen in gefährlichster Weise bedrängt. Leute, welche diese Vorgänge im Campo santo von höher gelegenen Wohnungen der Thalkirchnerstraße aus beobachten konnten, versicherten uns, daß der Anblick dieses gewaltsamen Gewühles so grauenhaft war, daß sie vor Schreck erzitterten und im Glauben waren, daß Todte und Verwundete in Menge den Boden bedecken müßten. Obwohl an dieser unserer Schilderung kein Wort übertrieben ist, kam wunderbarer Weise keine ernstliche Verletzung vor. Das ist wie ein Wunder. Wer den Vorfall mit angesehen und in die Menschenknäuel mit hineingerissen worden war, wird das bestätigen.
Nachdem unter solch widerwärtigen Umständen ein Theil des zersprengten Leichengefolges am Grabe angelangt war, wurde der Sarg sogleich in dasselbe gesenkt. Die Vertreterin der Führerin Guma – Guma selbst war,weil sie nicht ganz wohl war, abgehalten, der Todtenfeier anzuwohnen, trat nun an das Grab und sprach dort etwa 8 Minuten lang eine Reihe von religiösen Sprüchen unter bezeichnenden Geberden. Die Sprüche haben sich den Gesten nach zu urtheilen auf Kopf, Hände, Augen, Füße, Herz u. s. w. bezogen. Dann sprachen sämmtliche Krieger und Kriegerinnen je einen Spruch, in dem sie die Eigenschaften im Leben Kuhlà's lobten und priesen.
Nun trat Bakbo, der 23jährige Bruder der Verstorbenen, mit gezücktem Säbel an das Grab und hielt mit lauter Stimme in seiner Muttersprache folgende interessante

Grabrede*)

Kuhlà! – Wir Alle stehen in großem Schmerze an Deinem Grabe. Vergib uns, wenn wir Dir im Leben etwas Böses gethan.
Du bist so wie wir Alle aus unserer schönen Heimath nach diesem Land gezogen, mit dem Gedanken, wieder in die Heimath zurückkehren zu können.
Nun ist es anders gekommen, nun bist Du todt, warst Du wirklich so krank, daß Du sterben mußtest, dann – ist es gut. Wenn man Dich aber böswillig getödtet, dann ruhe so lange nicht in Deinem Grabe, bis Du gerächt bist. **)
Lebe wohl! Schlafe in fremder Erde, wir gedenken auch dann noch Deiner, wenn wir in unsere Heimath zurückgekehrt sein werden.

Nach dieser Grabrede warfen sämmtliche Angehörige der Truppe je einige Hände voll Erde auf den Sarg. Damit war die Trauerfeierlichkeit zu Ende, während welcher sämmtliche Wilde eine geradezu imponirende Ruhe, gleichweit entfernt von stumpfer Gleichgiltigkeit wie von weibischer Sentimentalität, zeigten. Die Beerdigungsfeier nahm im Ganzen etwa eine halbe Stunde in Anspruch. In Dahomey selbst hätte sie freilich länger gedauert.
Wir haben über diese Todtenfeiergebräuche der Dahomeer in gestrigem Blatte eine ausführliche Schilderung gegeben.
Es waren nicht sämmtlichen Mitglieder der Truppe an der Todtenfeier betheiligt. Solche die mit leichten Husten oder Katarrh behaftet waren, hielt man zurück, wegen der Gefahr die eine Verkältung für diese an tropisches Klima gewöhnten Leute mit sich bringt.
Nach beendigter Leichenfeier wurden die Dahomeer sogleich wieder nach den Centralsälen zurückgefahren, wo kurz nach Ankunft die Vorstellungen wieder aufgenommen wurden.
Die Trauer und der Ernst war bald wieder von den Mienen der Dahomeer gewichen.
Eine Todtenfeier haben die Wilden in ihren Gemächern geschlossen unter sich abgehalten. Dieselbe bestand aus Gebeten, die sie im Kreise am Boden sitzend murmeln, in Beschwörungen böser Geister durch Sprüche und Räucherungen. Die Sektion der Kuhlà, welche Professor Dr. Pollinger vorgenommen hatte, ergab die Bestätigung der von Geheimrath Dr. v. Ziemssen gestellten Diagnose. Die Amazone war an akuter Lungenentzündung gestorben. Die Leiche wollte von der Anatomie gekauft werden. Direktor Hood schlug jedoch den Kaufantrag ab.

*) Herr Direktor Hood hatte die Freundlichkeit, die sehr interessannte Grabrede für die Presse zu übersetzen.
**) Wie schon mitgetheilt, sind die Dahomeer sehr mißtrauisch und fürchten, man habe Kuhlà vergiftet. Dieses Mißtrauen findet durch diese Stelle beredten Ausdruck.

Neues Münchener Tagblatt Nr. 322. Donnerstag, den 17. November 1892.

Der Wendelstein (18.11.1892)

Vermischte Nachrichten.

Aus München, 16. Nov., wird dem »Wdlst.« geschrieben: Wie wir bereits in einem Vorgängigen berichteten, gestaltete sich die Beerdigung der Amazone Kula auf dem südlichen Friedhofe zu einem argen Scandale. Wir verzichteten darauf, demselben persönlich anzuwohnen bezw. uns mit dem großstädtischen Mob zu vermischen, weil wir unsere Pappenheimer von ähnlichen Anlässen her zur Genüge kennen. Aber was heute die hauptstädtische Presse über die Vorgänge vom Dienstage auf unserem Campo santo zu erzählen weiß, übertrifft doch noch unsere bisherigen Erfahrungen. Die auf 20,000 Köpfe geschätzte Menge führte zu Ehren der braunen Kriegerin einen wahren Hexensabbath am hellen Tage auf, um ihrer zügellosen Neugierde zu fröhnen. Kaum hatte sich der Leichenzug der Amazonentruppe in Bewegung gesetzt, wälzte sich das ebenso rücksichts- als pietätlose Rachechor, an der Tete selbstverständlich wie immer die Vertreterinnen des schwachen Geschlechts und die hoffnungsvolle Schuljugend, gleich dem wilden Heere mit elementarer Gewalt kein Hinderniß achtend, hintendrein. Zerstampfte Grabhügel, umgestürzte Grabsteine, zerschmetterte Marmorkreuze bezeichneten das Schlachtfeld. Weiber zetterten, Kinder schrieen, Männer fluchten und die grünen Schutzengel küßten den Boden. Der Leichenzug war im Nu zerrissen, es herrschte ein unbeschreiblicher Tumult, die tapferen Teutonen hieben mit Schirmen und Stöcken um sich und die Amazonentruppe war nahezu gezwungen, ihr Leben gegen die europäischen Wilden oder wild gewordenen Europäer mit der blanken Waffe zu vertheidigen. Wozu doch die häßliche Schaulust führt! Was mögen sich die »Wilden« bei solchem Anblicke gedacht haben! Unsere »Neuesten« konstatiren angesichts des abscheulichsten Scandals mit herkömmlicher Genugthuung, daß es nicht die Bevölkerung Münchens war, die sich in solch häßlichstem Lichte gezeigt, sondern jene »bekannte und gefährliche Sorte, wie sie leider in den meisten Großstädten existirt.« Leider können wir dem Blatte nicht ganz beipflichten. Es waren nicht blos die »Münchener Taugenichtse«, die sich so abscheulich aufführten, sondern es manifestirte sich wieder einmal die »Bestie im Menschen«, welche in solchen Momenten alle Kultur abstreift und nur ihrem wilden Instinkte folgte. Im kleineren Maßstabe bietet sich dasselbe Bild oft und oft bei der Erstürmung bereits übervoller Trambahnwägen auf der Heimkehr von Nymphenburg, nach Theater-, Concert- und Ballschluß an der Garderobe, bei den Rennen am Oktoberfeste, kurz überall, wo das »souveräne« Volk in Massen auftritt und zur Selbsthilfe greift. Es ist das kein schöner Zug in der Bevölkerung der Großstadt und beweist nur zu deutlich, wie weit die Menschen heute noch von wahrer Bildung und Gesittung entfernt sind. Die hochlöbliche Polizei aber, welche die entfesselte Menge ebenfalls kennen könnte, sollte eben bei solchen Anlässen nicht mit einer Handvoll Gendarmen auftreten wollen.

Der Wendelstein Nr. 263. Katholisches Volksblatt für das bayerische Oberland. Rosenheim; Freitag, den 18. November 1892.

Illustrirte Zeitung (3.12.1892)

Das Begräbniß der Amazone Cula in München.

Die Truppe der »Amazonen von Dahomey«, die früher in Leipzig, Berlin und andern Orten gastirte, gibt gegenwärtig in München vielbesuchte Vorstellungen. Kürzlich riß der Tod eine Lücke in die kriegerische Schar. Die jugendliche, kaum 17 Jahre alte Cula unterlag den verderblichen Einflüssen des nördlichen Klimas. Sie starb geduldig und ergeben im Krankenhause, und ihre Leiche, im Todtensaale des südlichen Friedhofes aufgebahrt, wurde zum Ziele Tausender von Neugierigen und Theilnehmenden. Die verstorbene Amazone lag im einfachen gelben Sarg, angethan mit dem schmucken Kriegscostüm, das weiße Käppi auf den schwarzen Locken und die Patrontasche mit dem Todtenkopf um die Hüfte geschnallt. Das Antlitz der Todten trug einen milden, friedlichen, sozusagen kindlichen Ausdruck. Der Contrast zwischen der braunen Cula und den neben ihr aufgebahrten weiblichen Todten in schneeweißen Gewändern und wachsbleichen Gesichtern war ein befremdender. Am 15. November nachmittags fand das Begräbniß der Amazone statt, eine Leichenfeierlichkeit, wie sie München noch nie sah. Vor Abgang des mit Kränzen prächtig geschmückten Sarges traten drei Krieger und zwölf Amazonen in vollem Kriegsschmuck und mit ihren Gewehren bewaffnet an diesen heran und küßten die verstorbene Schwester. Die Oberkriegerin Gumma winkte ihr unter den leisen Klagetönen der übrigen mit einem Tuche Abschiedsgrüße zu, dann wurde nach der Sitte der Dahomeyer der Todten der Mund verbunden und die beiden großen Zehen der Füße zusammengeknüpft, worauf der Zug ins Freie trat. Ernst und feierlich ward der Sarg ins Grab hinabgesenkt. Der Oberkrieger sprach eine Anzahl Sprüche, wonach die übrigen Dahomeyer, mit geschultertem Gewehr, gleichfalls einige Worte murmelten. Nach dieser Ceremonie sprach der Bruder der Hinabgesenkten die Leichenrede. Diese lautete in der Uebersetzung ungefähr wie folgt: »Cula! Wir alle stehen mit großem Schmerz an deinem Grabe. Vergib uns, wenn wir dir etwas böses gethan haben. Du bist mit uns aus der schönen Heimat in dieses Land gegangen in der Hoffnung, daß du sowie alle wieder heimkehren würden. Nun ist es aber anders gekommen. Du bist todt! Wir trauern alle um dich! Doch das sage ich dir: Warst du wirklich so krank, daß du sterben mußtest, dann sind wir zufrieden. Wenn man dich aber vergiftet hat (Die Amazonen, sehr mistrauisch gegen die Weißen, glaubten an eine Vergiftung.), dann ruhe so lange nicht in deinem Grabe und verfolge die Bösen, bis du gerächt bist! Lebe wohl! Schlafe in fremder Erde! Wir gedenken auch dann deiner wenn wir wieder in unsere Heimat zurückgekehrt sein werden!« Als der Redner, der während dieses Nachrufs in der einen Hand sein Schlachtmesser, in der andern den Säbel hielt, geendet hatte, warfen sämmtliche Mitglieder der Truppe Erde auf den Sarg. Damit war die eigenartige Feierlichkeit zu Ende, bei welcher die Amazonen eine imponirende Ruhe bewahrten im Gegensatz zu der vieltausendköpfigen Zuschauermenge, die wie eine wilde Horde die Spalierbildung durchbrach, die Gensdarmerie zurückdrängte, Grabsteine und Kreuze umwarf und Anlagen zerstampfte. Der Gottesacker glich, wol kaum zum Ruhme der Civilisation, einem Schlachtfelde.

Illustrirte Zeitung Nr. 2579. Leipzig und Berlin, den 3. Dezember 1892.

Allgemeine Zeitung (29.12.1892)

Mittheilung.

Anthropologische Gesellschaft. [...] Mit größter Spannung lauschte man nun den Mittheilungen Dr. Max Buchners und Dr. Hugo Zöllers über die Dahomey-Amazonen. Ersterer war nie in Dahomey, erklärt aber hinlänglich orientirt zu sein, um sagen zu können, daß bei den hier vorgeführten Amazonen sich Wahrheit mit Dichtung paare; die Mädchen sind zwar keine Amazonen, stammen jedoch von der Sklavenküste, sind wahrscheinlich dort gekauft und für die Schaustellung gedrillt worden. Dr. Zöller hat zweimal Dahomey durchquert. Unsre Gäste, sagt er, stammen zweifellos von der Sklavenküste, sowohl dem Typus wie der Sprache nach, auch ihre Gesänge zeigen afrikanische Stimmung; aber Dahomey-Amazonen sind sie nicht. Diese sehen ganz anders aus, besitzen eine ganz merkwürdige Gleichförmigkeit des Typus und der Ausbildung der Muskulatur, weil sie aus gefangenen Kindern herangezogen und gedrillt werden. Sie erscheinen als eine wirkliche Elitetruppe. Die hier vorgeführten Amazonen haben einen verschiedenen Typus und eine andere Ausrüstung; die Dahomey-Amazonen machten den Eindruck eines wohlgeschulten Balletcorps, führten Streitäxte und sangen patriotische Lieder; ihre Uniformen sind viel luxuriöser (Sammetleibchen). Sie dienen vom 15. bis zum 20. Jahre, werden dann Fetischpriesterinnen oder vom König an seine Beamten verschenkt. Was er in Dahomey gesehen, war grundverschieden von der hiesigen Production. Dr. Buchner und Prof. Dr. Rüdinger hoben den hohen Werth derartiger Schaustellungen hervor, die uns Angehörige fremder Völker vor Augen führen, wenn auch einiger Humbug der Anziehungskraft für das große Publicum wegen mit unterläuft. Prof. Dr. Rüdinger theilte noch mit, daß bei der hier verstorbenen Amazone eine Anzahl wichtiger primärer Gehirnwindungen secundär geblieben war.

Allgemeine Zeitung Nr. 361. München; Donnerstag, den 29.12.1892.



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