Ω
KRIEGER
ROSALIE
1822 – 1889
ALOIS
1816 – 1897
MAX
1842 – 1904
BETTY
1845 – 1916
Ω
Krieger, Alois; 1816 – 1897
Krieger, Barbara (vw) / Staudt (gb); 1845 – 6.10.1916 (München), Tod durch Verkehrsunfall; Rentiers-Witwe
Krieger, Max; 12.5.1842 (München) – 7.10.1904 (München); ehemaliger Magistratsrat, Verwaltungsrat des Schlacht- und Viehhofes, Alpinist
Krieger, Rosalie; 1822 – 1889
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* 1845
† 6.10.1916 (München), Tod durch Verkehrsunfall
Rentiers-Witwe
Lokales
München, 6. Oktober
Kleine Chronik. In der Müllerstraße, Ecke Pestalozzistraße, ereignete sich am Freitag nachmittag ein schwerer Unfall. Die 71 Jahre alle Rentnerswitwe Barbara Krieger wurde beim Ueberqueren der Straße von einem Straßenbahnwagen erfaßt. Die bedauernswerte Frau erlitt außer anderen Verletzungen einen komplizierten Schädelbruch, dem sie, von der Rettungsgesellschaft in die Chirurgische Klinik gebracht, bald darauf erlag. Nach Zeugenaussagen soll die Verunglückte geradeaus in den Wagen hineingelaufen sein.
Münchner Neueste Nachrichten Nr. 511. Samstag, 7. Oktober 1916.
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* 12.5.1842 (München)
† 7.10.1904 (München)
ehemaliger Magistratsrat, Verwaltungsrat des Schlacht- und Viehhofes, Alpinist
Vorwort
Vor Erstattung des Geschäftsberichtes pro 1898 geziemt es sich, an dieser Stelle der langjährigen ersprießlichen Thätigkeit des vormaligen Verwaltungsrathes des hiesigen Schlacht- und Viehhofes, Herrn Max Krieger, Rentner dahier, zu gedenken, der im Laufe dieses Jahres aus Gesundheitsrücksichten sein Amt als Magistratsrat niederlegte. In allzeit unermüdlichem Wirken für die gedeihliche Fortentwickelung der seiner Verwaltung anvertrauten Anstalt war Herr Krieger nicht nur allen Beamten ein leuchtend Vorbild gewissenhafter Pflichterfüllung, sondern auch im steten Wettkampfe der sich gegenüberstehenden Interessen ein fester Hort für alle jene Bestrebungen, welche von ihm als richtig und dem allgemeinen Wohle dienlich erkannt worden waren. Derselbe scheute keine Mühe, sich durch literarische Studien und Besichtigung anderer Schlachtviehhöfe die eingehendsten Kenntnisse der verschiedensten an diesen Anstalten in Betracht kommenden Geschäftszweige anzueignen und für die Münchener Verhältnisse fruchtbar zu verwerten.
In den langwierigen Kämpfen um die Gewährung und Forterhaltung der für Münchens Fleischversorgung so wichtigen Schlachtvieheinfuhr aus Oesterreich-Ungarn vertrat Herr Magistratsrat Krieger mit rastloser Energie und gründlicher Sachkenntnis erfolgreich die Interessen seiner Vaterstadt und die Regelung der Viehschaffnerei, sowie die Schaffung einer landwirtschaftlichen Verkaufsstelle am hiesigen Schlachtviehmarkte sind vor allem seiner Initiative zu verdanken.
Neben diesen Bemühungen um die fortschreitende Entwickelung des Schlachtviehmarktes, insbesondere um Hebung und Konstanterhaltung der Zufuhr und des Exportes, sowie hervorragender Anteilnahme an den Vorarbeiten und dem nunmehr zur Ausführuug gelangten Entwürfe zu den Kühlräumen fand der vielbeschäftigte Verwaltungsrat noch Zeit zur Erledigung der mit dem raschen Wachstum der Stadt stets sich mehrenden laufenden Geschäfte und zu einer warmen Fürsorge für das Wohl des im Schlacht- und Viehhofdienste fungierenden Personals.
Von Sr. Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten wurde der verdienstvolle Magistratsrat durch Verleihung des Michael-Ordens IV. Kl. ausgezeichnet; der I. Herr Bürgermeister von Borscht widmete dem scheidenden Magistrats-Mitgliede in öffentlicher Sitzung Worte des wärmsten Dankes für alle Verdienste, die sich Herr Krieger während seiner 16jährigen Thätigkeit um München erworben hat und die Beamten und Bediensteten des Schlacht- und Viehhofes in München gaben ihrer Dankbarkeit in einer hübsch ausgestatteten Adresse beredten Ausdruck.
Möge es Herrn Max Krieger noch recht lange beschieden sein, sich in voller Gesundheit und Frische der allgemeinen Anerkennung und Verehrung zu erfreuen, welche er sich nicht zum wenigsten durch sein von den schönsten Erfolgen gekröntes Wirken als Verwaltungsrat am Münchener Schlachthofe in so hohem Maße zu erringen wußte.
Als Nachfolger Kriegers wurde vom hohen Magistrats-Direktorium Herr Magistratsrat Vierheilig zum Verwaltungsrat des Schlacht- uud Viehhofes ernannt.
Verwaltungsbericht über den Schlacht- und Viehhof München pro 1898.
Lokales.
München, 7. Oktober
Max Krieger †. Ein bekannter, hochangesehener Bürger unserer Stadt, Rentier Max Krieger, ist heute Früh 4 Uhr nach längerem Leiden im 62. Lebensjahre gestorben. Krieqer, der 16 Jahre dem Magistratskollegium angehörte, hat an dem großen Aufschwung Münchens, der anfangs der siebziger Jahre unter den Bürgermeistern Erhardt und Widenmayer begann, eifrig und erfolgreich mitgearbeitet und lange Zeit die Verwaltung eines der damals ins Leben gerufenen groben Assanierungswerke unserer Stadt, des Schlacht- und Viehhofes, geführt. In München am 12. Mai 1842 geboren, wollte Krieger sich ursprünglich den Studien widmen, er besuchte Gymnasium und Universität, sah sich aber durch Familienverhältnisse veranlaßt, 1865 mit dem Anwesen im Tal, das heute die Nummer 65 trägt, die dort befindliche Mehlhandlung zu übernehmen, die er als Großbetrieb zu hoher Blüte brachte. 1866 vermählte er sich mit Fräulein Barbara Staudt aus Fürth, mit der er, in glücklichster Ehe lebend, 1891 die silberne Hochzeit feiern konnte. Ein Sohn und eine Tochter entsprossen dem Ehebund. Im Januar 1870 wurde Krieger durch das Vertrauen seiner Mitbürger in den Magistrat gewählt, dem er bis 1875 und später nochmals von 1888 bis 29. März 1898 angehörte; auch im oberbayerischen Landrat war er sechs Jahre lang tätig. Unter seinen Verwaltungsparten stand an Bedeutung, wie schon erwähnt, die des Schlacht- und Viehhofs obenan. Der Ausgestaltung dieses Etablissements in allen Einzelheiten widmete er den größten Teil seiner Zeit und Kraft; die Errichtung einer Kanalanlage, die Regelung der Viehschaffnerei, die Begründung einer Viehmarktkasse, die Verlegung der Geleiseanschlusses und Vergrößerung des Anstaltsareals, die Erhaltung des Pettenkofer-Brunnhauses, die Mitbenützung der Thermischen Vernichtungsanstalt durch die Nachbargemeinden u. s. w. bildeten seine Hauptzielpunkte. Auch der Marktkommission des Vereins zur Förderung der Pferdezucht in Bayern lieh er seine bewährte Kraft und dem Landwirtschaftlichen Bezirksverein München-Stadt gehörte er auch nach seinem Ausscheiden aus dem Magistrat als Delegierter der Stadt an. Als am 29. März 1898 das durch Krankheit begründete Enthebungsgesuch Kriegers vom Magistrat genehmigt wurde, widmete Bürgermeister v. Borscht dem scheidenden Kollegen warme Worte der Anerkennung für seine hervorragende Tüchtigkeit, seine seltene Arbeitskraft, Pflichttreue und Hingebung; von höchster Stelle wurde dem Scheidenden der St. Michaelsorden verliehen. Max Krieger, der sich anfangs der liberalen Partei angeschlossen hatte, wandte sich im Laufe seiner öffentlichen Tätigkeit einer mehr konservativen Richtung zu. Eine biedere, offene Natur, verfocht er im Kampf der Meinungen seine Ueberzeugung mit größter Entschiedenheit, oft mit einer Schärfe, die an Schroffheit streifte, aber alles in allem war er ein Talent und Charakter, dem auch die Gegner ihre Achtung nicht versagten. Im persönlichen Verkehr schätzte man den »Krieger Maxl« wegen seiner Liebenswürdigkeit und Jovialität hoch. Als großer Naturfreund besuchte er häufig die Berge, und in Kreisen des Alpenvereins, dem er als Mitglied der Sektion München und längere Zeit als deren zweiter Vorstand angehörte, erwarb er sich auch durch seine literarische Tätigkeit, z. B. sein Büchlein »Geschichte der Zugspitzbesteigung«, volle Anerkennung. Mit Max Krieger ist eine der markantesten Erscheinungen aus dem Bürgertum unserer Stadt dahingegangen.
Münchner Neueste Nachrichten No. 471. Samstag, den 8. Oktober 1904.
Aus den Bergen.
Max Krieger †. Die Trauernachricht, daß dieser eifrige und verdiente Alpinist am 7. Oktober zu München einem tückischen Leiden erlegen ist, wird in allen alpinen Kreisen mit schmerzlichen Gefühlen vernommen werden. Max Krieger war eine Kraftnatur, auch äußerlich der Typus eines deutschen Mannes. Wenn er es für recht fand, in einer Versammlung seine gewaltige, einer mächtigen Brust entströmende Stimme zu erheben, dann konnte man sicher sein, treffliche Worte zu hören. Die Zahl der von ihm seit mehr als drei Dezennien unternommenen Bergtouren geht in die Tausende, mehr als 2000 Gipfel und Joche (die mehrfach wiederholten nicht mitgerechnet) hat er betreten. Seine besondere Fürsorge galt früher dem Zugspitz-Gebiet. Das heute noch stehende mächtige Kreuz auf dem Ostgipfel entstand durch seine Bemühungen, der Bau der Höllentalhütte erfolgte vornehmlich auf seine Initiative hin. Auch die Vorberge zeugen von seinem Tun; der interessante, allerdings nicht jedem ganz Ungeübten entsprechende Krieger-Weg an der Rotwand bei Schliersee entstand auf seine Kosten. Innige, langjährige Freundschaft verband ihn mit dem seinerzeitigen Hütter-Referenten des Zentralausschusses des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins Arthur v. Schmidt, dem er nun ins Grab folgt. Krieger war viele Jahre lang Mitglied der Sektion München und auch eine Zeit lang deren zweiter Vorstand. In den letzten Jahren wendete er seine Zuneigung hauptsächlich der Sektion Kufstein und dem Münchener Turner-Alpenkränzchen zu, welche den Verlust ihres allbeliebten, stets opferwilligen und allen alpinen Unternehmungen mit Interesse gegenüberstehenden »Krieger Maxl« gewiß tief beklagen werden.
Münchener Stadt-Anzeiger Nr. 461 der Allgemeinen Zeitung. Sonntag, den 9. Oktober 1904.
Lokales.
München, 14. Oktober.
»Ueber die Toten nur Gutes!« Wir erhalten folgende Zuschrift: »Als Augen- und Ohrenzeuge der Beerdigung des allgemein hochgeachteten Rentners Max Krieger kann ich Ihnen bestätigen, daß die taktlosen Worte des Herrn Stadtpfarrers Gerhauser allgemein unangenehm berührten und insbesondere die Verwandten und die eingeweihten Freunde des edlen Verstorbenen entrüsteten! Krieger war ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, und er verdient es, daß die »christliche Nächstenliebe« des Herrn Stadtpfarrers, nachdem der Stein doch einmal ins Rollen kam, gebührend gekennzeichnet wird. Wie bekannt lebte Krieger mit einer Protestantin in glücklicher (nicht nur »äußerlich glücklicher«, wie Herr Pfarrer Gerhauser sagte) Ehe und ließ seine beiden Kinder — auch den Sohn — evangelisch erziehen. Nachdem Krieger durch diesen nie bereuten Schritt in Gegensatz zu seiner Kirche gekommen, trat er später zum Altkatholizismus über, wandte sich jedoch zuletzt an den Vorgänger des jetzigen Hirten von Hl. Geist mit dem Wunsche, wieder in die katholische Kirche aufgenommen zu werden, unter dem ausdrücklichen — für einen Ehrenmann selbstverständlichen — schriftlichen Hinzufügen, daß er seinen Schritt nicht bereue, und daß er, falls eine diesbezügliche Erklärung von ihm gewünscht würde, der katholischen Kirche fern bleiben werde. Der Vorgänger des Herrn Gerhäuser, Herr Prälat Huhn, beeilte sich, in tolerantester Weise dem Wunsche des Verstorbenen zu entsprechen, und forderte ihn sogar auf: »ihm seine Freunde nur zu schicken, er werde sie alle gerne absolvieren!« Bei der neulich bewiesenen Intoleranz wäre eine derartige wahrhaft christliche Handlungsweise von dem Nachfolger Huhns wohl nicht zu erwarten! Es sei also nochmals konstatiert, daß Krieger nicht, wie Herr Pfarrer Gerhauser dies am Grabe behauptete, erst auf Veranlassung Huhns, sondern freiwillig zu diesem kam, und daß die Aussöhnung nicht erst einen Tag vor seinem Tode, sondern wie aus Vorstehendem hervorgeht, schon viel früher erfolgte! Da Krieger auch pekuniär für die Kirche, besonders für die neue Schwabinger, viel tat, wäre es auch deswegen sehr angemessen gewesen, seiner am Grabe nur ehrend zu gedenken und der Trauerversammlung lieber von seinen großen Verdiensten als Mensch und Bürger Münchens zu erzählen! Wie man hört, wird die Witwe dem Herrn Stadtpfarrer durch Vorlage des Beichtzettels den Beweis für das Vorerwähnte bringen, den am Grabe hervorgerufenen unangenehmen Eindruck wird Herr Stadtpfarrer Gerhauser jedoch nicht mehr verwischen können. Es ist nicht verwunderlich, wenn die katholische Kirche durch derartig intolerantes und undankbares Verhalten einem wahrhaft religiösen Manne gegenüber viele Freunde verliert.«
Münchner Neueste Nachrichten No. 484. Samstag, den 15. Oktober 1904.
Alpine Zeitung
Zugspitzbahn!
Wird sie gebaut? Wind sie nicht gebaut? Ein Frage- und Antwortspiel, das seit Jahrzehnten schon geübt wird. Würde eine solche Bahn, wenn sie wirklich entstehen sollte, der Gesamtheit des Volkes oder nur dem Teil, der sich um mehr bekümmert als um Essen, Schlafen und Arbeiten, etwas zerstören oder rauben, was dieser immerhin recht ansehnliche Volksteil bisher und mit Recht besessen hat? Wer alte Beschreibungen von den Ersteigungsversuchen in der Frühzeit der Bergsteigerei liest, wer sich etwa in die im Jahre 1884 erschienene »Geschichte der Zugspitz-Besteigungen« von Max Krieger vertieft, wer selbst schon vor mehr als 30 Jahren die beiden Zugspitzgipfel betreten hat, dem tut der bloße Gedanke an eine solche Bergbahn weh.
Nicht die Bahnanlage, auch nicht der voraussichtlich saubere elektrische Betrieb der Bahn wird abstoßend sein; traurig stimmt der Gedanke an das, was die Bahn zur Höhe des Grates emporbringt. Wer sich das noch nicht deutlich genug vorstellen kann, der ist freundlich eingeladen, sich zwischen 1. und 31. August an einem sonnenwarmen Tage einmal die Besetzung eines Zuges der zum größten Glück für Bayern und Deutschland schon vorhandenen Wendelsteinbahn anzusehen.
Eine Wiener Bergsteigerzeitung, die den Fall »Zugspitzbahn« kürzlich abwandelte, brachte zum Ausdruck, daß an der Zugspitze seit langem schon »nichts mehr zu verderben« sei und dass die Zunft der Bergsteiger diesen längst entweihten Gipfel ohne Bedenken der technischen Industrie, der kaufmännischen Spekulation, dem berühmten »Fremdenverkehr« und der wildwogenden Menge überlassen könne.
Richtig daran ist der Grundgedanke, dass an der Zugspitze im Lauf der Zeit so viel verdorben worden ist, dass nicht mehr allzuviel zu verderben übrig blieb. Noch im Jahre 1884 konnte Max Krieger schreiben; »Es darf … behauptet werden, daß unter all den Berggebieten, deren Erschliessung für weitere Kreise der Alpenverein sich zur Aufgabe gestellt hat, der von unserer Sektion (Sektion München) seit Jahren kultivierte Zugspitzstock bald in jeder Beziehung mit in erster Reihe genannt zu werden verdient; kann es denn auch speziell für uns Münchner Bergsteiger eine dankbarere Aufgabe gelten als die stete Fürsorge für des Vaterlandes höchsten Gipfel, unsere herrliche Zugspitze? Möchte doch diese Schilderung dazu beitragen, so manchen, der jetzt vorziehen zu sollen glaubt, den Berg »von unten« anzuschauen, zum Hinaufsteigen zu bewegen; er wird staunen, wie gut sich das macht.«
Ja, lieber, biederer und bergbegeisterter Max Krieger, deine Wünsche sind erfüllt worden! Sie sind erfüllt im ungeheueren Uebermaß. Man braucht seit langem nicht mehr irgendeine Ueberredungskunst aufzuwenden, um ungezählte Scharen »zum Hinaufsteigen zu bewegen«.
Als im Dezember 1895 in der Hauptversammlung der Alpenvereinssektion München sich die Gemüter für und wider die Erbauung eines Gipfelhauses erhitzten, damals schon vielleicht war es zu spät, dem Ansturm der Massen auf die Zugspitze Einhalt zu tun. Damals galt in der Menge schon das Streben, bei einer Reise südlich der Donau den Fuss, wenn irgend möglich, auf »des Deutschen Reiches höchsten Gipfel« zu setzen. Auch schon in jener Versammlung erklärte ein Redner: »Die Zugspitzbahn wird kommen!«
Und seitdem ist es von Jahr zu Jahr ärger geworden. Im Jahre 1923 wollte der Vorsitzende der Alpenvereinssektion München, die Eigentümerin des Gipfelhauses ist, dort eintreten, um seiner Aufsichtspflicht zu genügen. Aber es war unmöglich! Nicht nur die Hütte war vollgepfropft mit Menschen; Hausgang, Vorplatz, der nahe Westgipfel und jedes einigermaßen ebene Plätzchen im Umkreis, wie auch der Zugangsweg von Westen her wimmelte von den »Bergsteigern« dieses Tages. Unverrichteter Dinge musste der Sektionsvorsitzende abziehen!
Kommt die Eisenbahn, so wird es da oben vielleicht noch schlimmer aussehen als an dem geschilderten Tag des Jahres 1923. Es wird dann wohl auch ein »bequemer Fußsteig« angelegt werden hinunter zum Platt, damit die Sohlen der Lackschühlein von »hochvornehmen« Damen und Herren Berührung finden mit dem Firnschnee und Gletschereis des Plattachferners und damit diese Damen mid Herren alle das angenehme Gruseln des Gehens auf einem »gefährlichen« Gletscher verspüren und die Kunde davon ins Tiefland zwischen Donau und Eider hinabtragen können. Ein Sichergießen des Gewimmels auf andere Gipfel des Wettersteins ist vorderhand nicht zu befürchten, denn diese sind für Menschlein solcher Art ein wenig ungastlich.
Die zu erwartende Menschenmenge ist an sich harmlos. Sie hat gar nicht von vornherein die Absicht, den Bergsteigern das Dasein zu verekeln. Sie kommt nur, weil sie angelockt wird. Das wirklich Treibende ist allein die Gier nach Geldgewinn bei den mit Recht so beliebten »Interessen des Fremdenverkehrs«. Ihnen ist nichts an den Bergen heilig; kein Gipfel des Wettersteins von Mittenwald bis Griesen. Ihr Heiliger heisst St. Mammon. Der Fremdenverkehr kann nie gross und stark und ertragreich genug sein. Immer noch lässt er zu wünschen übrig und immer ist alles verpflichtet, zu seiner Hebung Dienst zu leisten, was da kreucht und fleuchst. Und auch die Berge, die weder kriechen noch fliegen, sondern still und stumm und gewaltig die Spitzen zum Himmel recken, auch sie haben dem »höheren Ziel« dienstbar zu sein. Einst dankte man es dem Alpenverein, daß er im Weg- und Hüttenbau vorbildlich tätig war, heute sucht man ihn zu verdrängen, wenn er sich nicht in die Stelle eines »Verschönerungs- oder Verkehrsvereins« schieben läßt.
Leistet die Regierung eines Landes gegen Bergbahnpläne Widerstand, flugs hat man die Konkurrenz des Nachbarlandes an die Wand gemalt, und es gilt dann doch als besser, wenn »das Geld im Land bleibt«.
Sonderbar erscheint allerdings, daß in einer Zeit schwerlastenden Kapitalmangels für Industrie und Handel — wir meinen die notwendige, wirkliche, Arbeitswerte schaffende Industrie und den gleichartigen Handel — für das Unternehmen der Zugspitzbahn im Handumdrehen das gewiss nicht kleine Baukapital zur Stelle sein soll. Zehntausende von Familien finden im Deutschen Reich kein Obdach, weil für die notwendigen Hausbauten kein Baukapital zu beschaffen ist; für die Zugspitzbahn ist es angeblich heute schon zur Stelle.
Vorläufig müssen wir abwarten, ob der angekündigte Einbruch der Geldmächte in den stillen Frieden der Bergwelt wirklich schon so nah bevorsteht. Ob schon bald frische Schuttströme von den Wänden des Waxenstein-Riffelzuges herab verkünden, dass die auf Erden zur Zeit höchste Macht bereits Besitz ergriffen hat von dem, was bisher Gemeingut war. Ob im Innern der Felsen gewühlt wird, um die Bahn zu legen für das »Emporführen« derer, denen der beschauliche Mensch zu entgehen wünscht auf der Höhe wie in der Tiefe.
Und ist es dann so weit gekommen, dann laßt uns den Umkreis des herabgewürdigten »höchsten Gipfels des Deutschen Reiches« meiden. Es gibst noch andere, vielleicht um ein paar Meter weniger hohe Spitzen in der Runde, auf die dem Bergsteiger die Fahrgäste der Zugspitzbahn nicht nachdrängen werden.
Kommt die Zugspitzbahn zustande, dann fällt damit endgültig ein anderer, noch viel gefühlsroherer Plan von »Interessenten des Fremdenverkehrs«, der Plan einer Automobilstrasse in das Raintal. Würde dieser hirnverbrannte Gedanke einmal in die Tat umgesetzt und würden die Stink- und Lärmwagen hineinrasen in das in seiner unerhörten Grösse und Erhabenheit auch heute noch stille Reintal, dann wäre der Menschengemeinschaft eine weit schwerere Wunde geschlagen als durch eine Zugspitzbahn. Gg. Blab
Augsburger Sonntagszeitung Nr. 187. Augsburg; Sonntag, den 18. Mai 1924.