Inhalt | Register | ← | →



AA – 11 (Reichenbach)

Ω

GEORG
VON
REICHENBACH
* 24.8.1772
† 21.5.1826

Ω

|||

Georg von Reichenbach

* 24.8.1772 (Durlach/Baden)
† 21.5.1826 (München)
Mechaniker, Optiker und Salinenrat

Denkwürdige Bayern (1865)

Georg von Reichenbach,
Direktor des Ministerial-Baubureau's, Akademiker.

Sein Name genügt. Sein Denkmal sind seine Werke.

Dankbar und anerkennend feiert das Vaterland die Männer, die mit Aufopferung ihm Dienste geleistet und ihres Lebens ganze Aufgabe in seinem Heil gesucht haben, dann aber in um so höherem Grade, wenn sich wissenschaftliche Größe mit praktischer Thätigkeit verbindet, um das Gebiet der geistigen Errungenschaften und der Kunst mit neuen Entdeckungen zu erweitern und solche dem Gemeinwesen nützlich zu machen, dadurch aber dem Staate wie dem Einzelnen bleibende Vortheile zuzuwenden. Wo eines Utzschneider's und eines Fraunhofer's gedacht wird, darf Reichenbach nicht vergessen werden, dessen gerader und offener Charakter, wie sein mechanisches Genie und rastlose, jedes Hinderniß besiegende Thätigkeit die höchste Auszeichnung verdient.

Georg Reichenbach, geboren zu Durlach am 24. August 1772, erhielt von seinem Vater, der Oberstückbohrmeister in Mannheim war, und als Obristlieutenant der Artillerie in München 1820 starb, einem gebildeten Mechaniker, die ersten Anleitungen zu praktischer Thätigkeit und hiedurch den festen Grund seiner Bildung, welche durch den Lehrkurs in der Militärschule zu Mannheim, die er vier Jahre lang besuchte, theoretisch gefestigt wurde.

Die Ausführung einiger mechanischer, ihm glücklich gelungener Arbeiten erregte die Aufmerksamkeit des Grafen von Rumford, auf dessen Empfehlung hin und durch Vermittlung des Hofastronomen Abbé Barry Kurfürst Karl Theodor ihm, seine weitere Ausbildung zu begründen, eine Unterstützung zu einer Reise nach England im Jahre 1791 angedeihen ließ. Diese in seinem neunzehnten Jahre begonnene Reise benützte Reichenbach, die ausgezeichneten mechanischen Arbeiten der Engländer zu studiren; er lernte bei Watt die Construktion der Dampfmaschine kennen, hielt sich längere Zeit in einer der größten Erzgießereien behufs des Studiums der Behandlung der Metalle auf und richtete seine größte Aufmerksamkeit auf die Instrumente und Arbeiten der Sternwarten in Greenwich und Edinburg, während er zugleich mit regem Eifer Mechanik und Astronomie theoretisch sich anzueignen suchte.

1793 zurückgekehrt, trat er als Lieutenant in die Artillerie ein. Nach der Belagerung von Mannheim 1796 kam Reichenbach als Hauptmann der Artillerie nach München, wo er, neben seinen Berufsarbeiten im Zeughause, seine Studien fortsetzte. Zu jener Zeit war in München noch keine Anstalt, aus der mathematische und astronomische Instrumente zu beziehen gewesen wären; dieser Mangel eiferte ihn an, selbst solche Instrumente zu fertigen, und bald war er im Stande, eine nach damaliger Art construirte Theilungsmaschine, einige Winkelinstrumente und Spiegelsextanten für die Forstkammer mit technischer Vollendung vorlegen zu können. Der günstige Erfolg und der anregende Umgang mit dem genialen und geschickten Mechaniker Ulrich Schiegg belebte in ihm den Wunsch, die damals gebräuchlichen mechanischen und geodätischen Instrumente, die in ihrer Construktion zu groß, unbehilflich und ungenau waren, durch eine Kreistheilungsmaschine zu verbessern. Dieses Projekt trat plötzlich am 10. Juli 1801, während er zu Cham als Artillerie-Hauptmann im Quartier lag, nach vielfachen Berechnungen und geistigen Erwägungen klar vor seine Seele und er säumte nicht, nach seiner Rückkehr aus dem Felde, es auszuführen. Es bestand in einer Maschine, welche den Kreisbogen bis in die feinsten nur durch das Mikroskop noch zu unterscheidenden convergirenden Linien zu theilen und hiedurch die Sicherheit der Messung und Berechnung zu bewerkstelligen fähig war. Diese bewunderungswürdige Maschine, der Grund der Umgestaltung und Verbesserung vieler mathematischer und optischer Instrumente, ist noch jetzt in unverändertem Gebrauche. Da er bisher nur in einer kleinen Werkstatt mit dem Mechaniker Liebherr gearbeitet hatte, suchte er nun eine größere Anstalt zu gründen, und fand bald an Utzschneider, der die bedeutenden hiezu nöthigen Mittel schaffte, einen thätigen Genossen; und so entstand das mechanisch-mathematische Institut unter der Betheiligung der drei Genannten am 20. Aug. 1804.

Im Jahre 1809 — 7. Februar — trat Reichenbach mit Utzschneider und Fraunhofer zur Errichtung eines besonderen optischen Institutes zusammen. Aus dieser Anstalt gingen nun die solidesten und schönsten astronomischen und mechanischen Instrumente mit so einfachen und zweckmäßigen Formen hervor, daß bald die bedeutendsten Sternwarten sich derselben bedienten und dasselbe sich eines europäischen gegründeten Rufes erfreuen durfte. Unter diesen Instrumenten sind vorzüglich die Meridiankreis- und Passageninstrumente von 1½—3 Fuß Durchmesser, die Aequatorialinstrumente, die repetirenden Multiplikationskreise und die astronomischen Theodoliten zu rühmen. Im Jahre 1812 löste sich das Vertragsverhältniß und Reichenbach verbündete sich mit Ertel zu einem Institute für mathematisch-astronomischc Instrumente, das er dann 1821 seinem thätigen Theilnehmer Ertel überließ.

Auch in den Eisengewerken führte er bei der Construktion der Oefen und der Gebläse zweckmäßige und nützliche Verbesserungen ein, und sein Wirken war um so eingreifender, als aus seiner Werkstätte viele geschickte Arbeiter hervorgingen, die, was sie unter ihm gelernt hatten, zur Verbesserung ihrer Gewerbe zu verwenden vermochten.

Ein neues Feld seiner ersprießlichen Thätigkeit ergab sich ihm, als von Utzschneider die Leitung der Salinenadministration übernahm und seine Anstellung als Salinenrath bewirkte (25. Nov. 1808), wo er zur Hebung der Salinen die Soolenleitnng von Reichenhall nach Rosenheim zu übernehmen beauftragt wurde. Diese schwierige Aufgabe löste er durch die Erfindung einer Wassersäulenmaschine zu der er sieben Maschinen auf der neuen siebzehn Stunden langen Soolenleitnng anbrachte und die ganze durch gegossene eiserne Rohre laufende, mit bewundernswerther Kühnheit und Sicherheit ausgeführte Leitung mit den möglichst geringsten Kosten in kurzer Zeit herstellte, so daß am 19. Juli 1810 Abends die erste Sudsoole in Rosenheim einlaufen konnte; ein Werk, das seinen Namen durch ganz Europa trug. Er erbaute in Reichenhall 1808 eine große Maschine zur Soolenhebung, welche 250 Röhrl Soole senkrecht auf 100 Fuß erhob.

Zur selben Zeit, 1811, nachdem er aus dem Militärverbande getreten war, um sich ganz seinem neuen Berufe widmen zu können, errichtete er ein einfaches und zweckdienliches Wasserwerk, um den botanischen Garten und das allgemeine Krankenhaus mit Wasser zu versorgen, er verbesserte die Maschinen in den Salinen, construirte eine neue Loch- und Schneidemaschine für Pfannenbleche, fertigte für die Gewehrfabrik in Amberg neue und zweckmäßige Maschinen und hob so diese zu früher nicht gekannter Auszeichnung. Im Jahre 1811 veröffentlichte er eine mit größtem Beifall aufgenommene Abhandlung über die Theorie der Brückenbögen und Vorschläge zu eisernen Brücken in jeder beliebigen Größe.

Als zur Erhaltung der Wälder und zur Verbindung der Salinen unter sich die Soolenleitung von Berchtesgaden nach Reichenhall beschlossen wurde (28. April 1816), übernahm er die Ausführung, erbaute neben anderen Werken eine große Wassersäulenmaschine zu Illsang, hob hier die gesättigte Soole durch einen Druck auf eine senkrechte Höhe von 1218 Fuß und vollendete diese großartige, 101800' lange Leitung in kurzer Zeit so, daß am 21. Dezember 1817 das Ganze in Gang kam und in Gegenwart des Königs Max die erste Soole in Reichenhall einlaufen konnte. Diese Soolenleitung liefert in 24 Stunden 3000 Eimer Soole, und ist Reichenbach's Meisterwerk, und durch ihre bei ungeheurer Kraftäußerung gefahrlose Bildung und ihren ruhigen Gang ein Glanzpunkt der neueren Mechanik.

Zum Dank für die Herstellung dieses unter Besiegung der größten Hindernisse, welche ihm durch Grenzverhältnisse, Gebirgszüge, Jahreszeit und Witterung im Weg standen, glücklich vollendeten Riesenwerkes wurde ihm eine Leibrente von 1200 fl. ertheilt. Schon im Jahre 1809 hatte Reichenbach eine Artilleriewaffe von leichter Beweglichkeit mit geringer Bespannung und gewaltiger Wirkung dem Kriegsministerium vorgelegt; er erfand ein von Eisen geschmiedetes mit Drallzügen versehenes Geschütz und 1816 hiezu Spitzkugeln; er ist daher der Erfinder der gezogenen Kanonen; ebenso konstruirte er im Jahre 1824 eine Feuerwaffe, mit der er über die größte Breite des Starnbergersees (l½ Stunden) sicher zu schießen im Stande war. Er stellte auf Einladung des Magistrats in Augsburg 1821 ein Wasserwerk, um die Stadt mit Quellwasser zu versehen, her, erbaute auf Anlaß des Kaisers von Oesterreich in Wien 1823 eine Stückbohrerei, und in der Nähe von Tegernsee eine äußerst zweckmäßige und einfache Marmorsäg- und Polirmaschine. Am 10. Mai 1820 zum Direktor der obersten Baubehörde ernannt, übernahm er die Leitung derselben, mit gleicher Unermüdlichkeit zur Förderung nützlicher Werke beitragend.

Reichenbach, bei dem sich schon in Folge eines unglücklichen Sturzes bei einer Brunnenuntersuchung in Augsburg im Anfange des Jahres 1824 die ersten Spuren einer Krankheit, des Blutaustritts in's Gehirn, gezeigt hatten, erlag trotz aller Pflege nach so rühmlich vollendetem Leben am 21. Mai 1826 einem heftigen Anfall dieser Krankheit, ein schwerer Verlust für die Wissenschaft, mit tiefem Schmerz betrauert.

Er ruht neben Fraunhofer in den Arkaden des Kirchhofs zu München. Wenn uns die Aufzählung der genialen und großartigen Werke, die Reichenbach ausführte, zur Bewunderung eines so hochbegabten und rastlos thätigen Gelehrten hinreißt, so zwingt uns noch seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, sein offenes, biederes und uneigennütziges Wesen, seine immerbereite Freundschaft, sein heiterer versöhnlicher Charakter, sein liebevolles häusliches Walten, den Privatmann zu achten, zu ehren und zu lieben. Bayern mag ihn mit Stolz seinen Sohn nennen! Wenn er auch nicht in seinen Grenzen geboren war, so hat er doch seines Lebens größten Theil in Bayern und für dasselbe hingebracht.

Aeußere Anerkennung wurde ihm durch seine 1813 erfolgte Wahl als Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1815 des französischen Nationalinstituts und mehrerer anderer gelehrter Gesellschaften, dann durch seine Ernennung als Ritter, dann als Commandeur des bayerischen Civil-Verdienst-, des k. k. österreichischen Leopold-, 1817 des k. dänischen Danebrog-, des großherzoglich badischen Zähringer Löwen- und des großherzogl. sächsischen Haus-Ordens vom weißen Falken.

München ehrte sein Andenken durch die Benennung einer Brücke nach ihm, König Ludwig nahm seine Büste in die Ruhmeshalle auf.

Pleickhard Stumpf: Denkwürdige Bayern. Kurze Lebensbeschreibungen verstorbener verdienter Männer, die in dem Ländergebiete des jetzigen Königreiches Bayern geboren oder durch längern Aufenthalt ihm angehörig waren. München, 1865.

Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München (1983)

Reichenbach Georg, von, 1772 (Durlach/Baden) – 1826, Salinenrat, Mechaniker und Optiker; R., in Mannheim aufgewachsen und seit 1796 in München, hat auf einer Studienreise in England Watts Dampfmaschine kennengelernt und dann im Münchner Zeughaus praktische Experimente gemacht, arbeitete zusammen mit J. Liebherr, bis er sich dem Kreis um J. von Utzschneider anschloß, mit dem er das mechanisch-mathematische Institut 1804 begründete; dann rief R. mit J. von Fraunhofer das Optische Institut 1809 und mit T. L. Ertel 1812 das Institut für mathematisch-astronomische Instrumente ins Leben; als königlicher Salinenrat hat R. Solenleitungen von Reichenhall nach Rosenheim und von Berchtesgaden nach Reichenhall eingerichtet; letztgenannte, 1817 vollendet, gilt als ein Meisterwerk der Mechanik in ganz Europa.

Andere Werke: Erfindung eines neuen Kreisteilungsprinzips, Wassersäulenmaschine in Ilsang, Wasserwerk für Trinkwasserversorgung in Augsburg, Stückbohrerei in Wien; seit 1813 war R. Mitglied der BAkdW, 1830 Direktor der Obersten Baubehörde; R., auch Erfinder der sogenannten gezogenen Geschütze, zählt zu den bedeutendsten Mechanikern und technischen Genies seiner Zeit.

© Dr. phil. Max Joseph Hufnagel: Berühmte Tote im Südlichen Friedhof zu München. Zeke Verlag; 4. Auflage. Würzburg, 1983.



© Reiner Kaltenegger · Gräber des Alten Südfriedhofs München · 2007-2026


Erstellt mit jutoh digital publishing software (Anthemion Software Ltd.)